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Ein Wirtshaus fast wie ein Museum 

Rheinische Post 09.06.2012 VON JOCHEN LENZEN

Krefeld (RP). Das Ambiente der urgemütlichen Linner Gaststätte "Em Kontörke" wirkt, als sei vor sechs und mehr Jahrzehnten die Zeit stehengeblieben. Da die Senioren das Haus nur noch sporadisch öffnen konnten, werden es ab Ende der Sommerferien die Kinder übernehmen.

Wer die Gaststätte "Em Kontörke" an der Margaretenstraße im historischen Linner Ortskern betritt, fühlt sich um mindestens sechs Jahrzehnte zurückversetzt. Das Gasthaus der Eheleute Josef (79) und Christel Balk (74) scheint nahezu unberührt aus dieser Zeit übriggeblieben zu sein. Seit einem Schlaganfall des 79-Jährigen vor rund einem Jahr ist das Lokal nur noch gelegentlich geöffnet. Das aber wird sich ändern: In der letzten Woche der Sommerferien werden Sohn Hermann (46) und Schwiegertochter Michaela (31) das Wirtshaus pünktlich zum Linner Schützenfest (18. bis 21. August) übernehmen und neu eröffnen. Ausstattung bleibt erhalten.

Neu wird dabei aber lediglich der Anstrich oberhalb der mannshohen Holzverkleidung mit den rundum angebrachten Messing-Kleiderhaken. "Die Stühle und Bänke werden aufgepolstert, und die hölzernen Bodendielen aufgearbeitet. Ansonsten", verspricht Hermann Balk, "bleibt alles beim Alten".

Gleich beim Betreten durch die schön gestaltete Massivholz-Eingangstür umfängt den Gast in den gedrungen wirkenden Räumlichkeiten ein Gefühl von heimeliger Gemütlichkeit. Erster Blickfang ist die Theke von 1901 mit ihrer verchromten Arbeitsfläche, die allerdings verlängert werden müsste. "Dafür suchen wir noch jemanden, der das kann", sagt Hermann Balk. Auch kühltechnisch muss die Theke noch auf modernen Stand gebracht werden.

Der zweite Blick richtet sich nach links in den angeschlossenen Raum für rund zwei Dutzend Gäste mit seinen vier, im unteren Teil bleiverglasten Fenstern und seinen alten Fotografien und Gemälden. Davor stehen eine uralte Registrierkasse und ein Kachelofen. Der stammt noch von der 1956 eröffneten Bundeskegelbahn, die auch künftig funktionsfähig sein wird. Allerdings müssen die Kegel wie seit jeher nach jedem Wurf wieder von Hand aufgestellt werden. Die Bahn bildet eine Einheit mit dem "Wintergarten", der bis zu 80 Personen Platz bietet. Dort an der Wand hängt neben vielerlei anderem Zierrat auch ein altes Bandoneon. "Das muss hier vor -zig Jahren mal zur Karnevalszeit liegengeblieben sein", meint Christel Balk.

Rund 30 Gäste können im Gesellschaftszimmer rechts dem dem Thekenraum und weitere zehn im anschließenden Clubzimmer untergebracht werden. "Zur Eröffnung werden wir auch eine Außengastronomie mit sechs Tischen vor dem Haus anbieten können", sagt Hermann Balk, der mit der Übernahme des "Kontörke" sein bisheriges "La Casa" an der Ecke Kuhleshütte und Sandberg in Oppum nach 13 Jahren schließen wird. Auch die Küche wird, wie es die Tradition ist, saisonal angepasste, gutbürgerliche Speisen bieten. Aus dem Zapfhahn kommen König Pilsener und Königshofer Alt.

Hermann Balk ist ebenso in dem Haus an der Margaretenstraße geboren wie seine Vorväter. 1952 hatte Josef Balk die Gaststätte von seinen Altvorderen übernommen, die es 1869 erworben hatten. Damals war darin auch noch ein Kolonialwarenladen unterbracht. Die Handelsvertreter und die hier pausierenden Fuhrwerker haben damals den Namen geschaffen er leitet sich von dem Wort Kontor für Büro ab und das Lokal in verkleinernder Form "Kontörke" genannt.

Vom Erwerber des Hauses, also von Hermann Balks Urgroßvater, soll auch das älteste Dekorationsstück des Kontörke stammen: ein Feuerwehrhorn, mit dem er bei Feuer draußen auf der Straße Alarm blasen musste.